Biokapitalismus

16 07 2009

„Als Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ verkündete, bedachte er nicht, wie nötig der Kapitalismus Wetten auf die Zukunft hat. An der Börse sind sie Tagesgeschäft. Die Gentech-Konzerne benötigen sie ebenfalls, denn was die Geschichte den Einzelnen noch bringen kann, sind Krankheiten, die in den Genen lauern, um irgendwann tückisch hervorzubrechen. Kaushik Sunder Rajan spricht in seinem Buch „Biokapitalismus“ sogar von einer „politischen Ökonomie des Hypes“. Aufregungen werden verbreitet, wenn es sich um die Zuordnung von Krankheiten zu Genen oder um Wunderheilungen handelt. In seinem Buch geht es um die Notwendigkeit solcher „Hypes“ und um die internationale Struktur, die die biokapitalistischen Konzerne ausgebildet haben. Den genetischen Determinismus, dem die Pharmafirmen huldigen, haben schon viele kritisiert. Wie dieser Determinismus aus den Laboren der Biologen ausbrach und andere genetische Theorien in der Öffentlichkeit verdrängte, und welche Rolle der Kalte Krieg sowie die Rockefeller-Stiftung dabei spielten, hat Lily Kay in ihrem grundlegenden Werk „Das Buch des Lebens“ beschrieben. Auch die Tatsache, dass Genetik und Big Business ein enges Paar bilden, ist kein großes Geheimnis. Aber Autoren wie Jeremy Rifkin in „Das biotechnische Zeitalter“ bewegen sich immer noch innerhalb der politischen Ökonomie des Hypes. Sie reflektieren nur unzureichend, wie eng die Doktrin, dass es auf Grund genetischer Dispositionen zu Krankheiten kommen werde, mit der internationalen Struktur der Gentech-Konzerne verschränkt ist. Rajan hingegen ist an Marx und an Michel Foucault geschult, und als in Madras gebürtiger Inder mit Studium in den Vereinigten Staaten besitzt er ein Gespür für ökonomische Abhängigkeiten. Er hat fünf Jahre lang in der Bay Area San Franciscos sowie den indischen Metropolen und High-Tech-Zentren recherchiert. Allein seine Geschichte der Stadt Hyderabad kann erhellen, was unter dem Begriff „Biokapitalismus“ zu verstehen ist. Einst eine Hochburg der Textilindustrie, entwickelte sich Hyderabad mit Hilfe eines IWF-Kredites zum High-Tech-Zentrum, ganz im Sinne der indischen Regierung, die die Patentrechtsbestimmungen der WTO anerkennen musste, billige Medikamente nicht mehr in Eigenregie herstellen durfte und also eine „Vision 2020“ ausrief, um westlichen Unternehmen Konkurrenz zu machen. Die arbeitslosen Textilarbeiter wurden nicht als billige Arbeitskräfte angeheuert; gebraucht werden „Versuchskaninchen“ für die Medikamente, die zur Heilung genetischer Defekte auf den Markt kommen sollen. Der Skandal besteht laut Rajan weniger in der Bereitschaft von West-Konzernen, arbeitslose Inder dafür tatsächlich einzusetzen, sondern darin, dass der indische Staat seine eigenen Staatsbürger für diese Versuche ausliefere, damit die „Vision 2020“ „India Inc.“ neben den großen westlichen Konzernen forschungspolitisch etabliert. In Rajans Analyse wird Foucaults mittlerweile inflationär gebrauchter Begriff der „Biopolitik“ konkret und produktiv angewandt. „Lokale Ökonomien der Verschuldung“ werden ausgenutzt; indisches und amerikanisches Kapital kooperieren gegen die indische Bevölkerung, die wiederum ihr Leben einsetzen muss, weil sie keine Alternative hat.“

zitiert nach:

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1837185_Biokapitalismus-Wer-bezahlt.html?sid=8aee612e518858a903ee8578e676e9ad

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