Methoden

Mit welchen wissenschaftlichen Methoden lassen sich Machtstrukturen und Machteliten erforschen? Generell können  hierfür alle Methoden der empirischen Sozialforschung herangezogen werden.  Einerseits können mittels Fragebögen und Interviews neue Daten produziert werden, die anschließend die Grundlage der Analyse darstellen. Andererseits können aber auch bereits bestehende Daten, etwa Medienartikel, Dokumente, Passagen aus Memoiren, Briefe und vieles mehr zur Analyse herangezogen werden. Welche Methode dabei die jeweils „richtige“ ist hängt stets mit der formulierten Problemstellung zusammen. Besteht das Erkenntnisinteresse darin Unterschiede in der Eigentumsstruktur für ganz Deutschland zu untersuchen, wird es wenig gewinnbringend sein biografische Interviews zu führen, sondern eher auf quantitative Daten, etwa des SOEP oder ALLBUS zurückzugreifen. Wird umgekehrt etwa nach dem Weltbild der Vorstandsvorsitzenden von Konzern X gefragt, bietet sich eher ein offenes Interviewverfahren an.

Eine Kernfrage in der PSR ist dabei zunächst, wie sich jene Personen und Institutionen identifizieren lassen, welche besonders „mächtig“ sind? Um diese Frage zu beantworten haben sich drei Methoden in der Power Structure Research etabliert. Jede dieser Methoden weist bestimmte Vorzüge und Nachteile auf, wobei keine von ihnen den anderen generell vorzuziehen ist, da sie einander nicht widersprechen, sondern sich vielmehr ergänzen.

1. Die Positionsmethode

Der Positionsmethode liegt die  Annahme zugrunde, dass sich Machtinhaber dadurch identifizieren lassen, dass sie wichtige formelle Führungspositionen in einer Gesellschaft einnehmen. Bereits Charles Wright Mills beschreib diese Annahme, wenn er schreibt:

„Der Staat, die Wirtschaft und die Streitkräfte. Sie stellen heute die eigentlichen Machtmittel dar und sie sind von größter Bedeutung als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Befehlsstellen an der Spitze dieser Hierarchien sind es, die uns den Schlüssel zum soziologischen Verständnis der Rolle liefern, die die Führungsschichten in den Vereinigten Staaten spielt“ (Mills 1962: 18).

Demnach gilt es Positionsinhaber in bedeutenden Institutionen verschiedener gesellschaftlicher Sektoren (in der Regel vor allem aus Wirtschaft, Staat, Militär, Medien, Wissenschaft, Religion und Zivilgesellschaft) zu erfassen. Das zentrale Problem dieser Herangehensweise ist die Entscheidung, welche Institutionen „bedeutend“ sind und welche nicht. Hier gilt es transparente Kriterien zu entwickeln, für Unternehmen etwa der Umsatz oder die Mitarbeiterzahl. Kritik an der Positionsmethode zielt einerseits auf genau diesen Aspekt der Auswahlkriterien. Häufig erfolgt die Auswahl relativ willkürlich, da in der regel nicht alle Mitglieder der Gesellschaft einbezogen werden (vgl. Wolf 1979: 64). Ein weiterer zentraler Kritikpunkt ist, dass die Methode nicht die komplexen Abläufe der informellen und formellen Entscheidungsfindung untersucht, sondern lediglich formelle Positionen, die sich nicht mit der tatsächlich ausgeübten Macht decken müssen. Trotz dieser Probleme hat die Positionsmethode einige Vorteile. So ist die Einfachheit der Anwendung ein großes Plus, wobei sie gleichzeitig kosten- und arbeitssparend ist. Trotzdem ist die alleinige Anwendung dieser Methode hoch fragwürdig, sie kommt erst in Kombination mit anderen Methoden richtig zur Geltung.

2. Die Reputationsmethode

Die Reputationsmethode misst mit Hilfe verschiedenen Befragungsinstrumenten, wie viel Macht einem Individuum von anderen gesellschaftlichen Akteuren zugesprochen wird. Diesen Akteuren wird damit ein Expertenstatus zugesprochen, womit die Annahme einhergeht, dass sie ein realitätsnahes Verständnis für die realen Machtverhältnisse innerhalb des jeweiligen Untersuchungsraumes besitzen. In der Regel findet diese Methode vor allem in der lokalen PSR Anwendung. Einerseits kann die lokale Bevölkerung mit Hilfe von Fragebögen aufgefordert werden anzugeben, welches ihrer Meinung nach die 5 (hier könnte auf eine andere Zahl stehen!) einflussreichsten Gemeindemitglieder sind oder welche 5 Institutionen das Gemeindeleben am stärksten prägen. In diesem Design wird demnach der Bevölkerung ein Expertenstatus zugesprochen (vgl. Wolf 1979: 57 ff.). Andererseits können aber auch Interviews mit Personen geführt werden, welche die lokalen Verhältnisse aus bestimmten Gründen sehr gut kennen (etwa ehemalige Bürgermeister). Eine zentrale Frage ist hierbei stets nach welchen Kriterium diese Experten ausgewählt werden.

Diese  Methode wurde bereits in den 1950ern Jahren, insbesondere in der amerikanischen Gemeindeforschung angewandt. Etwa von  Floyd Hunters in seiner Studie zur Machtstruktur Atlantas (vgl. Hunter 1953). Er erstellte zunächst Listen mit potentiell mächtigen Personen, bediente sich also der Positionsmethode. Indizien für Macht waren dabei bestimmte Machtmittel sowie das Einnehmen bedeutender Positionen in der Gemeinde (vgl. Wolf 1979: 58). Anschließend bat er 6 Personen, welche einen Einblick in die Machtverhältnisse hatten, die 10 mächtigsten Personen der Liste zu benennen um anschließend die 40 meistgenannten (Neunennungen waren möglich) aus der Liste herauszufiltern und zu interviewen. Es kann dabei generell zwischen Fremdeinschätzungen und Selbsteinschätzungen von Machteliten gesprochen werden. Einerseits sind also außenstehende etwa die Bürger und Experten und andererseits die Machteliten selbst Quelle von Informationen (vgl. Ammon 1967: 49). Das Wesen der reputativen Methode liegt damit darin auf Grund von Urteilen der Gesamtbevölkerung, von Experten oder von Machteilten selbst: „Personen zu benennen und/oder auf einer Rangskala zu platzieren“ (Ammon 1967: 54).

Der einflussreichste Kritiker dieser Methode war der Politikwissenschaftler Robert Dahl. Seine Studie „Who governs?“ (vgl. Dahl 1961) und weitere darauf folgende Studien von Anhängern der politischen Pluralismustheorie, arbeiteten dabei einige wesentliche Kritikpunkte heraus (vgl. Wolf 1979: 59 f.).

  1. Die Auswahl der Experten erfolge in der Regel willkürlich
  2. Die Begrenzung der Zahl der Herrschaftsträger ist willkürlich
  3. Die Machtverhältnisse seinen derart komplex, dass selbst Experten diese kaum einschätzen können
  4. Die Reputationmethode bilde nur eine sehr unzureichende Einschätzung und nicht die tatsächlichen Machtverhältnisse ab, sie misst dabei eher Prestige als Macht
  5. Das Handeln der Machtinhaber wird  nicht untersucht

In Folge der Kritik wurde der reputative Ansatz weiterentwickelt. So wurde unter anderem bei der Befragung auf das Vorlegen von Namenslisten verzichtet und es wurde zudem der allgemeine und der sektorale Einfluss untersucht. Trotz aller Kritik hat die Reputationsmethode zahlreiche Vorteile (vgl. Wolf 1979: 60)

  1. Die Kosten und der Aufwand sind im Vergleich zu anderen Methoden relativ gering
  2. Einfachheit des theoretischen Konzepts und der Operationalisierbarkeit
  3. Trennung des Machtaspekts von anderen Fragen der Gemeindesoziologie
  4. Die statistische Reliabilität und Reproduzierbarkeit
  5. Die einfache modifizierbarkeit der Methode, wodurch Mängel behoben werden können
  6. Die Berücksichtigung des soziopsychologischen Wirkungszusammenhang, dass Menschen, welche für mächtig gehalten werden, schon dadurch eine gewisse Macht besitzen.

3. Die Entscheidungsmethode

Die Entscheidungsmethode ist dadurch gekennzeichnet, dass sie konkrete politische Entscheidungsprozesse untersucht um festzustellen, welche Akteure  ihre Ziele erfolgreich durchgesetzt haben oder ein anderes Vorhaben erfolgreich blockiert haben (vgl. Wolf 1979: 64). Der Politologe Robert Dahl gilt als einer der Begründer dieser Methode. Er ermittelte zunächst wichtige Felder der Kommunalpolitik und charakterisierte anschließend einige aktuelle Streitfragen als repräsentativ, denen er sich dann mittels  verschiedener Methoden näherte. Dies waren zunächst teilnehmende Beobachtungen, nicht-teilnehmende Beobachtungen, Dokumentenanalysen und Interviews in denen nach den Gründen und Zielen für eine Meinungsäußerung, die Beziehung zu anderen Machtinhabern und zu anderen Personen gefragt wurde (vgl. Wolf 1979: 65). Im nächsten Schritt folgte eine Prozessanalyse der gewonnen Daten, in welcher analysiert wurde welche Personen in welchen Phasen des Prozesses Einfluss ausübten und schließlich an der Beschlussfassung maßgeblich beteiligt waren (vgl. Wolf 1979: 66).

Auch die Entscheidungsmethode war Ziel von Kritik. Zunächst sei bei der Auswahl der konkreten Streitfragen eine Willkür unumgänglich, außer man untersuche alle Streitfragen oder zu mindestens einen Großteil. Die Auswahl der Streitfragen sei demnach nicht repräsentativ. Des Weiteren können selbst mit einem komplexen Analyseverfahren wie der Entscheidungsmethode reale Entscheidungsvorgänge in ihrer ganzen Tiefe auch mit dieser Methode nur sehr oberflächlich erfasst werden. Dabei ist die Entscheidungsmethode selbst sehr zeit- und kostenaufwendig. Ein Hauptkritikpunkt ist jedoch, dass nur die im formellen politischen Prozess sichtbaren Ereignisse in die Analyse eingehen. Im Vorfeld informell getroffene Entscheidungen und Aspekte der indirekten Machtausübung werden hingegen nicht thematisiert. Zudem kann Macht auch dazu eingesetzt werden Streitfragen erst gar nicht auf die politische Agenda zu setzten. Diese Machtausübung kann mit der Entscheidungstechnik ebenfalls nicht erfasst werden. Trotz dieser Probleme gibt es zahlreiche Vorteile der Entscheidungsmethode. Der bedeutendste Vorteil ist, dass Macht empirisch und nicht theoretisch analysiert wird, da die konkreten sozialen Prozesse und nicht die formelle oder zugeschriebene Machtposition zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden. Zudem ist der Forscher an diesem Prozess direkt beteiligt, was eine große Nähe zum Untersuchungsgegenstand erlaubt, allerdings auch Gefahren birgt, etwa, dass seine Anwesenheit eine bestimmte Wirkung hat und sich die Untersuchungssubjekte anders verhalten als „normalerweise“.

4. Kombinierte Methoden

Inzwischen hat sich eine Art stiller Konsens gebildet, welcher heißt: Nur die Kombination der Methoden liefert realitätsnahe Ergebnisse. Der sehr emotional geführte Diskurs vor allem zwischen Anhängern der Reputationsmethode und der Entscheidungsmethode, führte schließlich dazu, dass sich inzwischen einige Ansätze entwickelt haben in denen die einzelnen Methoden miteinander kombiniert werden. So können alle Methoden parallel zu einander eingesetzt werden um anschließend zu analysieren, ob sie zu den selben bzw. ähnlichen Ergebnissen führen. Bei diesem Vergleich zeigte sich, dass die Nähe der Ergebnisse bei der Reputationsmethode und der Positionsmethode am größten sind, während die Ergebnisse der Entscheidungsmethode weniger Deckung mit denen der anderen Methoden aufweisen (vgl. Wolf 1979: 70). Die drei Methoden können zudem nicht nur paralell zueinder eingesetzt werden, sondern auch in Kombination. Sie können auf verschiedenste Arten miteinander kombiniert werden. Es entwickelten sich  so Konzepte wie der „Cleavage-Ansatz“, der , „social-activity-Ansatz“ oder der „Prozessansatz“, welche mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen die einzelnen Methoden miteinander kombinieren (vgl. Wolf 1979: 72).

Quellen

Ammon, Alf: Eliten und Entscheidungen in Stadtgemeinden. Die amerikanische „Community Power“-Forschung und das Problem ihrer Rezeption in Deutschland. Duncker & Humblot: Berlin 1967.

Dahl, Robert A.: Who governs? Democracy and Power in an American City. Yale University Press 1961.

Hunter, Floyd: Community Power Structure. A Study of Decision making. University of North Carolina Press: Chapel Hill 1953.

Mills, Charles Wright: Die Amerikanische Elite. Holsten-Verlag: Hamburg, 1956.

Wolz, Dieter: Die Presse und die lokalen Mächte. Eine empirische Untersuchung über Pressekonkurrenz und Herrschaft in der Gemeinde. Droste Verlag: Düsseldorf 1979.




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