PSR

Power Structure Research (PSR) ist eine wissenschaftliche Forschungsdisziplin, welche die ungleiche Verteilung von Machtmitteln (Geld, Waffen, Wissen usw.) sowie formelle und informelle soziale Netzwerke in denen sich besonders viel Macht konzentriert, auf möglichst aktuellem Niveau erfassen, abbilden, verstehen, erklären und kritisch hinterfragen will. Sie setzt sich demnach kritisch mit Eliten, oder genauer Machteliten, auseinander und erforscht auf welche Weise  in Gesellschaften Macht ausgeübt wird.

Doch was bedeutet „Macht“ überhaupt? Der Soziologe Max Weber verstand unter Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht“ (Weber 1972: 89). Er definiert Macht demnach als die Chance auch bei Widerstand nach den eigenen Vorstellungen handeln zu können, also als Durchsetzungschance eigener Handlungsvorhaben. Macht ist also unzertrennlich mit sozialen Beziehungen verbunden. Versucht man dieses Verständnis von Macht auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene zu übertragen, kann von struktureller Macht gesprochen werden (der Begriff der strukturellen Macht geht ursprünglich auf Susan Strange zurück). Sie und John Stopford sehen im internationalen System der politischen Ökonomie einen interdependenten Komplex aus Staat und multinationalen Konzernen, welcher die Politik und die Gesellschaft zunehmend strukturiert (Stopford/Strange 1992: 1). Akteure sind nach ihnen mächtig, wenn sie in der Lage sind, die Gesetze und damit die Gesamtstruktur etwa der Finanzmärkte, der Wirtschaftsordnungen und letztlich der ganzen Gesellschaft so anzupassen, dass sie dem eigenen Vorteil dienen und sich die anderen gesellschaftlichen Akteure anpassen müssen. Strukturelle Macht ist demnach einerseits für den Erhalt und anderseits für den Wandel von gesellschaftlichen Strukturen verantwortlich. In Anlehnung an Weber und Strange kann folgende Definition abgeleitet werden. Strukturelle Macht bezeichnet die Fähigkeit von sozialen Gruppen die gesellschaftlichen Strukturen nach ihrem Willen verändern oder aufrechterhalten, das heißt eine Veränderung der sozialen Strukturen durch andere Gruppen verhindern, zu können. Anlehnend an dieses Verständnis  lässt sich folgende Definition der Begriffe Machtstruktur(en) und Machtelite(n) des amerikanischen Soziologen William Domhoff heranziehen.

„A ‘power structure’ is a network of organizations and roles within a city or society that is responsible for maintaining the general social structure and shaping new policy initiatives. A ‘power elite’ on the other hand, is the set of people who fill the roles within the power structure” (Domhoff 2005). (Eine Machtstruktur ist ein Netzwerk aus Organisationen und Rollen in einer Stadt oder Gesellschaft, das für die Erhaltung der allgemeinen Gesellschaftstruktur und die Formung neuer politischer Initiativen verantwortlich ist. Eine Machtelite, auf der anderen Seite, ist die Gruppe von Menschen, welche die Rollen in der Machtstruktur ausfüllen).

Die Frage was oder wer Menschen oder Gruppen strukturelle Macht verleiht lässt sich dabei nicht pauschal beantworten, denn „alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemanden in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen“ (Weber 1972: 28). Macht kann demnach nur jeweils innerhalb des sozialen Kontextes in dem sich die sozialen Beziehungen abspielen verstanden und beurteilt werden. Dennoch gibt es bestimmte materielle und immaterielle Ressourcen, welche die Chancen erhöhen und eine Grundlage dafür bilden, dass der eigene Wille durchgesetzt werden kann. Dies sind unter anderem der Besitz von Geld, natürlichen Rohstoffen, Technologie, Wissen, Waffen, medialen Kanälen, körperlicher Stärke oder rhetorischen Fähigkeiten. Ein wichtiges weiteres Machtmittel ist das Einnehmen sozialer Positionen. Letzteres verweist auf die Bedeutung wichtige soziale Schaltstellen mit Menschen besetzten zu können auf die man selbst einwirken kann und die Fähigkeit Zugang zu Menschen zu besitzen, die Machtpositionen einnehmen. Die bedeutendste Grundlage um strukturelle Macht ausüben zu können offenbart sich jedoch erst, wenn man sich die Machtdefinition von Hannah Arendt vergegenwärtigt.

„Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält“ (Arendt 1990: 45).

Die Ausübung von struktureller Macht ist demnach ein komplexer Prozess gesellschaftlicher Interaktionen, und keineswegs ein Automatismus. Vielmehr ist ständiges Handeln von einer Vielzahl unterschiedlichster Akteure nötig damit die bestehende Gesellschaftsstruktur dauerhaft erhalten bleibt. Strukturelle Macht entsteht also erst durch soziales Handeln, ruht aber stets auf Machtmitteln.

Elitenforschung bis 1945

Die Erforschung von Machteliten reicht weit in die menschliche Geschichte zurück und wurde insbesondere von frühen Staats- und Gesellschaftswissenschaftlern sowie Philosophen begründet. Die ersten systematischen Erforschungen folgten hingegen erst Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts (vgl. Mosca 1950; Pareto 1968; Michels 1989). Die Grundüberzeugung dieser Theorien ist, dass es unumgänglich, und damit ein gesellschaftliches Gesetz ist, dass eine Minderheit, die Elite, über eine große Mehrheit, die Masse, herrscht (vgl. Hartmann 2004, 42). Auf der andere Seite des Atlantiks schrieb etwa zur gleichen Zeit Velben seine „Theorie der feinen Leute“ und begründete damit eine kritische Elitesoziologie in den USA (vgl. Velben 1987). Diese kritische Elitesoziologie wurde insbesondere von Lundberg weiterentwickelt, welcher vor allem die Rolle der reichen und superreichen Familien in den USA untersuchte (vgl. Lundberg 1937). Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Eliten spielte in den USA der so genannten „Muckracking-Journalismus“, eine Art Enthüllungsjournalismus, bei der Beobachtung der Mächtigen und Vermögenden eine wichtige Rolle  (vgl. Myers 1969). Ein weiteres Werk, welches die Power Structure Research nach dem zweiten Weltkrieg beeinflussen sollte war Neumanns Studie über die Machtstruktur des deutschen Faschismus, welche er im amerikanischen Exil verfasste (vgl. Neumann 1977). Dies ist die Vorgeschichte der Power Structure Research (PSR).

Elitenforschung nach 1945

Nach 1945 gab es eine neue Welle der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Machteliten. Es entstanden einerseits Theorien deren Grundannahmen ist, dass es in modernen Gesellschaften keine einheitlich herrschende „Elite“ mehr gibt, sondern miteinander konkurrierende „Teileliten“, zu denen jedem und jeder der Zugang offen steht, da die Auswahl nach Leistungskriterien erfolgt (vgl. Hartmann 2004, 71). Diese Theorien können als Theorien von Funktionseliten beziehungsweise Leistungseliten zusammengefasst werden. Andererseits entstanden, vor allem in den Vereinigten Staaten weitere kritische Elitetheorien, welche der Grundannahme einer Leistungselite widersprachen.  Zu diesen Theorien gehört unter anderem die Theorie der Machtelite von Charles Wright Mills. Er definierte sie zunächst folgendermaßen:

Diejenigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gruppen (…), die als komplexes Gebilde einander   überschneidender Kreise an allen Entscheidungen von zumindest nationaler, wenn nicht internationaler Tragweite teilhaben“ (Mills 1962: 33).

Mills Untersuchung kann als Gründungsurkunde der Disziplin gelesen werden und hat bis heute wenig an Aktualität verloren.

Der Staat, die Wirtschaft und die Streitkräfte. Sie stellen heute die eigentlichen Machtmittel dar und sie sind von größter Bedeutung als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Befehlsstellen an der Spitze dieser Hierarchien sind es, die uns den Schlüssel zum soziologischen Verständnis der Rolle liefern, die die Führungsschichten in den Vereinigten Staaten spielt.“ (Mills 1962, 18 )

Ein zentraler Untersuchungsgegenstand der PSR sind demnach die gesellschaftlichen Führungsschichten an der Spitze der modernen gesellschaftlichen Institutionen. Mills geht davon aus, dass es ein soziales Netzwerk in den USA gibt, welches wesentlich diese Institutionen dominiert und sich dadurch wesentlich von den „gewöhnlichen Menschen“ dessen Macht verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt sind unterscheidet (vgl. Mills 1962, 15). Es geht also um diejenigen Akteure, deren Entscheidungen sich wesentlich auf das Leben eines Durchschnittsbürgers auswirken. Diese Gruppen gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit. In dem Maße in dem sich die Welt globalisierte, globalisierten sich auch Machteliten, so dass ihre Entscheidungen inzwischen nicht mehr nur im lokalen und nationalen Raum, sondern in einem transnationalen Raum wirken.

Exkurs: Lokale Eliten und Methodenstreit

Floyd Hunter veröffentlichte seine Studie über die Machtstrukturen Atlantas bereits im Jahr 1953, drei Jahre vor Mills. Er entwickelte darin ein Modell zur Analyse lokaler Elitesysteme, welches wesentlich den später Diskurs in der Power Structure Research prägen sollte (vgl. Hunter 1953). Er wurde unter anderem in Deutschland stark rezipiert (vgl. Ammon 1967; Wolf 1979; Sievert 1979; Sievert/Schmals 1979). Hunters Untersuchung hatte zum Ergebnis, dass es in Atlanta vor allem die Besitzer, Vorsitzende und Anwälte der größten Banken, Kaufhäuser und Geschäfte waren, welche die lokale Lebenswelt gestalteten. Sie lebten in der selben Gegend der Stadt, gehörten den gleichen „Social Clubs“ an und saßen zusammen in den Führungsgremien der Konzerne. Mills als auch Hunters Studie lösten in den USA eine hochemotionalen Diskurs aus, welcher in einem Methodenstreit unter amerikanischen Sozialwissenschaftlern gipfelte. Insbesondere von Anhängern der politischen Pluralismus-theorie wurde ihnen vorgeworfen unwissenschaftlich gearbeitet zu haben. Besonders die von Hunter benutze Reputationsmethode war Ziel ihrer Kritik. Mit den sozialen Bewegungen der 60er und 70er Jahre bekam die PSR neue Kraft (vgl. Domhoff 1967; Chomsky 1969; Dye 1979). Sehr prägend war dabei Lundbergs Studie „Die Reichen und die Superreichen“ (vgl. Lundberg 1968). Es können zahlreiche weitere amerikanische Autoren genannt werden, welche sich eindeutig der Machtstrukturforschung zuordnen ließen, der Blick soll nun aber vielmehr über die engen Grenzen der USA hinaus in die Gegenwart gerichtet werden.

PSR heute

PSR ist heute vor allem zweierlei: Global und digital. Neben den USA gibt es in zahlreichen anderen Ländern Wissenschaftler und Journalisten, welche „ihre“ Machteliten erforschen. In Deutschland ist insbesondere Engelmann zu nennen. Speziell das „ABC des großen Geldes“ kann als Standardwerk der deutschen PSR betrachtet werden (vgl. Engelmann 1986). Es gibt aber gleichzeitig aktuelle Werke, welche sich mit Machteliten auseinandersetzen (vgl. Krysmanski 2004; Hartmann 2007). Dies gilt nicht nur für Deutschland. Es gibt inzwischen Studien über die russische (vgl. Kryschtanowskaja 2004), die japanische (vgl. Schmidt 2005) und die schweizer Machtelite (vgl. Hollinger 1974).

Neben der Wissenschaft und den Massenmedien stellt insbesondere das Internet einen zusätzlichen Raum dar, in welchem sich die Power Structure Research ausbreitet. Unzählige Homepages widmen sich dem Thema, unter anderem fachspezifische von Domhoff, Krysmanski und Val Burris. Die Homepages von NGOs, wie in Deutschland etwa Lobbycontrol oder Abgeordnetenwatch, sind neben journalistischen Homepages nur einige Quellen, welche herangezogen werden können und zudem verdeutlichen, dass Power Structure Research bereits gesellschaftlich verankert ist, und zwar in der Wissenschaft, in den Medien und in der Zivilgesellschaft.

Quellen

Ammon, Alf: Eliten und Entscheidungen in Stadtgemeinden. Die amerikanische „Community-Power“-Forschung und das Problem ihrer Rezeption in Deutschland. Duncker & Humblot: Berlin 1967.

Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. R. Pieper & Co. Verlag: München 1990.

Chomsky, Noam: Amerika und die neuen Mandarine. Politische und zeitgeschichtliche Essays. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 1969.

Domhoff, William: Who rules America? Prentice Hall: New Jersey 1967.

Domhoff, William (2005): Power Structure Research and the Hope for Democracy. http://sociology.ucsc.edu/whorulesamerica/theory/power_structure_research.html

Dye, Thomas: Who’s Running America? The Carter years. Prentice Hall: New Jersey 1979.

Engelmann, Bernt: Das große ABC des großen Geldes. Verlag Kiepenheuer & Witsch: Köln 1986.

Hartmann, Michael: Elitesoziologie. Eine Einführung. Campus Verlag: Frankfurt am Main 2004.

Hartmann, Michael: Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich. Campus Verlag: Frankfurt am Main 2007.

Hollinger, Carl M.: Die Reichen und Superreichen in der Schweiz. Hoffman und Campe Verlag: Hamburg 1974.

Hunter, Floyd: Community Power Structure. University Press of North Carolina Press: Chapel Hill 1953.

Kryschtanowskaja, Olga: Anatomie der russischen Elite. Die Militarisierung Russlands unter Putin. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2004.

Krysmanski, Hans-Jürgen: Hirten und Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen. Oder: Einladung zum Power Structure Research. Verlag Westfälisches Dampfboot: Münster 2004.

Lundberg, Ferdinand: America’s 60 families. The Vanguard Press: New York 1937.

Lundberg, Ferdinand: Die Reichen und Superreichen. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1971.

Michels, Robert: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Alfred Krörner Verlag: Stuttgart 1989.

Mills, Charles Wright: Die Amerikanische Elite. Holsten-Verlag: Hamburg 1962.

Mosca, Gaetano: Die Herrschende Klasse. Grundlagen der politischen Wissenschaft. Leo Lehnen Verlag: München 1950.

Myers, Gustavus : Die großen Amerikanischen Vermögen. Erster und zweiter Band. März Verlag: Darmstadt 1969.

Neumann, Franz : Behemoth. Struktur und Praxis des deutschen Nationalsozialismus 1933-1944. Europäische Verlagsanstalt: Köln 1977.

Pareto, Vilfredo: The Rise and Fall of the Elites. Bedminster Press: New Jersey 1968.

Schmals/Sievert (Hrsg.): Kommunale Macht- und Entscheidungsstrukturen. Minerva: München 1982.

Schmidt, Carmen: Japans Zirkel der Macht. Legitimation und Integration einer nationalen Elite. Tectum Verlag: Marburg, 2005.

Siewert, Hans-Jörg: Ein Beitrag zur Theoriediskussion in der Community-Power-Forschung und ein Versuch zur empirischen Überprüfung. Hain Verlag: Tübingen 1967.

Stopford, John/Strange, Susan: Rival states – rival firms. Cambridge University Press: Cambridge, 1992.

Veblen, Thorstein: Theorie der Feinen Leute. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1987.

Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Mohr Verlag: Tübingen 1972.

Wolz, Dieter: Die Presse und die lokalen Mächte. Eine empirische Untersuchung über Pressekonkurrenz und Herrschaft in der Gemeinde. Droste Verlag: Düsseldorf 1979.




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